Schwerer Sturm in der Drake Passage

Montag, November 8, 2010

Gemütlich hier im Fjord ankernd macht mir aber der Blick auf das Barometer derzeit größere Sorgen: es fällt ins Bodenlose. Da wir morgen wieder auf das offene Meer hinaus müssen, um Kurs Richtung Ushuaia zu nehmen, verheißt das nichts Gutes. Beim Abendessen verkündet der Kapitän dann auch, dass dies für die nächsten zwei Tage wohl das letzte Vier-Gänge-Menü sein wird, da das Küchenpersonal bei hohem Wellengang sicherlich nicht in der Lage sind wird, üblichen Standard zu bieten. Wir sollen uns darauf einrichten, alles nicht Befestigte sicher in Schränken zu verräumen, notfalls auf dem Boden zu schlafen und uns möglichst wenig auf dem Schiff zu bewegen. Ein Gang auf Deck wurde aus Sicherheitsgründen verboten. Der Wetterbericht sagte bis zu 10m Wellengang bei Windstärke 11 voraus. Hinzu kommt, dass wir in die Drake-Passage fahren, wo der Atlantik auf den Pazifik trifft. Starke Strömungen und durch den antarktischen Tiefdruckgürtel besonders kräftige Winde kennzeichnen diese Route. Er fügt verschmitzt hinzu: „Da wird es ein wenig ,holprig’“. Ich versuche das Essen vorerst noch zu genießen… Am nächsten Tag verlassen wir den Fjord. Der Wind und die Wellen nehmen von Minute zu Minute zu. Das Schiff rollt von links nach rechts mit einer Amplitude von ungefähr 8m an der Außenseite. Der Bug schießt 10m in die Höhe, nur um kurz darauf mit ohrenbetäubendem Getöse in das nächste Wellental zu stürzen. Das Wasser klatscht gegen die 20m hoch gelegene Brücke. Der Kapitän hört derweil klassische Musik und wirkt relaxt – es scheint ihm sogar Freude zu bereiten. Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg. Ich kauere mich für die nächsten zwei Tage ins Bett und hoffe, dass die Seekrankheit nachlässt. Steffi macht der Seegang nichts aus. Sie versorgt mich mit leicht verdaulichen Nahrungsmitteln und berichtet, was außerhalb der Kabine so vor sich geht. Nahezu die Hälfte der Passagiere ist seekrank. Viele schlafen im Aufenthaltsraum, da die Gefahr aus dem Bett zu fallen groß ist. Einige haben sich schon an Wände, und Stahltüren Platzwunden geholt, und der ein oder andere Finger hat in plötzlich zufallenden Türen auch schon seine Form verändert. Mit anderen Worten: Der Bordarzt hat Einiges zu tun. Irgendwann wird es ruhiger, die Leute lachen wieder und der Spuck ist vorbei. Zwei weitere Tage wird unser Schiff noch von diversen Albatrosarten, Riesensturmvögeln und Delphinen begleitet bis am Horizont das Festland auftaucht. Grund für ein schönes Abschiedsfest, welches bis in die frühen Morgenstunden andauert und ich mich tags darauf frage, ob es an den fehlenden Wellen oder am argentinischen Rotwein liegt, dass die ersten Schritte auf Land so anstrengend sind.

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